Orientierung · Kinder
Wenn dein Kind ADHS, Autismus oder beides hat
Dein Kind hat ADHS, Autismus oder beides, oder du vermutest es schon länger. Hier erfährst du, was das vom Kindergarten bis etwa zwölf bedeuten kann, was deinem Kind und dir helfen kann und wo ihr Unterstützung findet.
Weiterlesen01 · Vielleicht kommt dir das bekannt vor
Du kennst dein Kind gut, und trotzdem fragst du dich oft, was gerade los ist.
- Jeden Morgen derselbe Kampf um Schuhe, Zähne und Schulsack, und um halb acht seid ihr beide erschöpft.
- Im Kindergarten sitzt deine Tochter noch in der Garderobe, während die anderen längst im Kreis singen.
- Nach dem Kindergeburtstag bricht deine Tochter zu Hause zusammen, obwohl sie dort fröhlich wirkte.
- Die Lehrerin sagt, er sei in der Schule unauffällig. Zu Hause kommt alles heraus.
- Für vier Rechenaufgaben braucht ihr den ganzen Nachmittag, und am Ende sitzt ihr beide in Tränen da.
- Je mehr du bittest, desto mehr blockiert dein Kind, auch bei Dingen, die es eigentlich gern macht.
- Seit Monaten isst dein Sohn nur Nudeln, Brot, Äpfel und eine bestimmte Sorte Joghurt.
- Das Licht ist seit einer Stunde aus, und dein Kind liegt noch immer wach und ruft nach dir.
Diese Szenen sind keine Checkliste. Vieles davon erleben auch Familien ohne ADHS oder Autismus. Ob eine Diagnose passt, kann nur eine fachliche Abklärung sagen.
Teil 1 von 4
Verstehen
Was hinter dem Verhalten stecken kann.
02 · Was ADHS und Autismus bei Kindern bedeuten
Keine Frage der Erziehung.
ADHS und Autismus sind neuroentwicklungsbedingt. Sie sind von Anfang an da und zeigen sich je nach Alter, Umfeld und Belastung unterschiedlich. Beide entstehen nicht durch Erziehung.
Vieles, was von aussen wie Trotz, Unwillen oder fehlende Kooperation wirkt, kann mit Überforderung, Selbstregulation oder anderen Bedürfnissen deines Kindes zusammenhängen.
Und es ist kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch gemacht hast.
Bei ADHS kann es Kindern schwerfallen, Aufmerksamkeit und Aktivierung zu steuern, Impulse zu regulieren und bei wenig anregenden oder anstrengenden Aufgaben dranzubleiben.
Viele erleben Gefühle sehr intensiv. Das ist häufig, aber kein offizielles Diagnosekriterium.
Bei Autismus nehmen Kinder Reize und Situationen anders wahr. Geräusche, Licht oder viele Menschen können schneller zu viel werden. Kommunikation und Kontakt laufen oft anders, als andere es erwarten, und vorhersehbare Abläufe geben Halt. Viele autistische Kinder haben Interessen, in die sie tief eintauchen.
ADHS und Autismus können auch zusammen vorkommen. Mädchen und eher stille Kinder werden oft später erkannt, weil sie sich stark anpassen. Diese Anpassung, oft Masking genannt, kommt aber bei allen Geschlechtern vor.
Und manchmal erkennen sich Eltern beim Lesen selbst wieder. Das ist häufiger, als viele denken.
03 · Kindergarten und Einschulung
Wenn der Tag plötzlich viel mehr verlangt.
Mit Kindergarten oder Kita beginnt ein Alltag mit mehr Menschen, mehr Lärm und mehr Regeln. Für Kinder mit ADHS oder Autismus kann das besonders viel Kraft kosten: im Kreis sitzen, warten, von einer Tätigkeit zur nächsten wechseln, in einer lauten Gruppe spielen.
Oft werden Schwierigkeiten erst hier deutlich, weil die Anforderungen steigen. Manche Kinder halten den ganzen Vormittag durch und sind danach völlig erschöpft.
Ein offenes Gespräch mit den Fachpersonen im Kindergarten oder in der Kita hilft, ein gemeinsames Bild zu bekommen: was gut läuft, wann es schwierig wird und was dein Kind beruhigt. Erzähl ruhig, was zu Hause hilft.
Die Einschulung ist ein grosser Übergang. Es kann helfen, das Schulhaus vorher zu besuchen, den Weg zu üben und mit der Schule früh über die Bedürfnisse deines Kindes zu sprechen. Wie Kindergarten und Schuleintritt geregelt sind, ist je nach Land und Kanton verschieden.
04 · Wutausbrüche und Co-Regulation
Wenn Gefühle überkochen.
Starke Überlastung kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Ein Kind wird laut, weint oder verliert die Kontrolle. Ein anderes zieht sich zurück, reagiert kaum noch oder kann vorübergehend nicht sprechen.
Bei autistischen Menschen werden solche Überlastungsreaktionen oft als Meltdown oder Shutdown beschrieben. Nicht jeder Wutausbruch und nicht jeder Rückzug ist aber ein Meltdown oder Shutdown. Was alle gemeinsam haben: Danach braucht ein Kind Ruhe und Erholung, keine Strafe.
Vor einem Ausbruch gibt es oft Warnzeichen. Wer sie kennt, kann früher eine Pause oder einen ruhigen Ort anbieten. Ein kurzes Tagebuch hilft, Auslöser zu erkennen.
Kinder entwickeln Selbstregulation Schritt für Schritt und jedes in seinem eigenen Tempo. Am Anfang hilft ihnen oft eine vertraute erwachsene Person, wieder ins Gleichgewicht zu finden. Fachleute nennen das Co-Regulation.
Genauso wichtig sind passende Bedingungen: weniger Reize, Bewegung, ein Rückzugsort, vertraute Gegenstände, wiederkehrende Bewegungen oder verlässliche Abläufe. Gerade autistische Kinder regulieren sich oft auch darüber. Kindern mit ADHS oder Autismus fällt es häufig schwerer, starke Gefühle zu regulieren.
Co-Regulation heisst nicht, dass du immer ruhig bleiben musst. Es reicht, wenn du dich nach einem Moment wieder sammeln kannst. Das gelingt nicht jedes Mal, und das ist in Ordnung.
So kann Co-Regulation in einem schwierigen Moment aussehen
- Zuerst für Sicherheit sorgen: Ist dein Kind sicher, sind Geschwister sicher? Gegenstände wegräumen, an denen sich jemand verletzen könnte.
- Selbst ruhiger werden: atmen, langsamer sprechen, wenn nötig kurz Abstand nehmen.
- Reize reduzieren: leiser werden, weniger Licht, weniger Menschen.
- Da bleiben und wenig reden. Nähe anbieten, aber nicht aufdrängen.
- Erst später besprechen, was passiert ist, wenn sich dein Kind erholt hat.
Teil 2 von 4
Die Basis
Essen, Schlaf, Erholung und der eigene Körper.
05 · Die Basis: Essen, Schlaf und Erholung
Ein leerer Bauch, eine kurze Nacht, keine Pause.
Essen, Schlaf und Erholung sind für alle Kinder wichtig. Für Kinder mit ADHS oder Autismus sind sie die Grundlage, auf der alles andere aufbaut. Hunger und Schlafmangel können Unruhe, Gereiztheit und Konzentrationsprobleme verstärken.
In der Begleitung von Familien zeigt sich immer wieder, wie stark Essen, Schlaf und Erholung den Alltag beeinflussen können. Ein ausgelassenes Frühstück, eine unruhige Nacht oder ein Nachmittag ohne Pause reichen manchmal, damit vieles schneller zu viel wird.
Bevor es um Verhalten geht, geht es um Essen, Schlaf und Erholung.
Erholung heisst dabei nicht nur Schlaf. Dazu gehören Zeit ohne Anforderungen, ein Rückzugsort, Bewegung und ein Interesse, in das dein Kind eintauchen kann. Nach Kindergarten oder Schule brauchen viele Kinder zuerst eine Pause, bevor Neues gehen kann.
Drei Fragen, bevor du nach anderen Gründen suchst
- Hat mein Kind genug gegessen?
- Wie war die Nacht?
- Gab es heute eine Pause ohne Anforderungen?
06 · Essen
Wenn der Teller zur Verhandlung wird.
Viele autistische Kinder essen nur wenige, vertraute Lebensmittel. Geschmack, Geruch und Konsistenz kommen bei ihnen oft anders und stärker an. Vertrautes Essen gibt dann Sicherheit.
Mit Verwöhnen oder einem Machtkampf hat das meist nichts zu tun. Übliche Tipps gegen wählerisches Essen, etwa «Probier wenigstens einen Bissen», helfen dann oft nicht und können die Angst vor dem Essen sogar verstärken.
Bei Kindern mit ADHS helfen feste Essenszeiten. Hunger kann Unruhe verstärken. Manche ADHS-Medikamente dämpfen den Appetit; das gehört ins Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.
Was helfen kann
- kein Zwang beim Essen
- bei jeder Mahlzeit etwas Vertrautes anbieten
- Neues in kleinen Mengen danebenstellen, ohne dass es gegessen werden muss
- ruhige Mahlzeiten mit wenig Lärm und Ablenkung
- feste Essenszeiten
Ernährung ist nach heutigem Wissen keine Ursache von ADHS. Strenge Diäten werden nicht allgemein empfohlen, und Nahrungsergänzungen ersetzen keine Behandlung. Besprich solche Pläne vorher mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt.
Isst dein Kind über längere Zeit sehr wenig oder nur ganz wenige Lebensmittel, nimmt es ab, wächst es nicht wie erwartet, ist es oft krank oder zieht es sich wegen des Essens zurück, dann lass das kinderärztlich abklären. Bei sehr starkem Vermeiden von Essen sprechen Fachleute manchmal von ARFID, einer eigenen Essstörung.
07 · Einschlafen
Wenn der Tag nicht aufhören will.
Schlafprobleme kommen bei autistischen Kindern häufig vor: schlecht einschlafen, nachts oft aufwachen. Auch Kinder mit ADHS haben häufiger Mühe beim Ein- und Durchschlafen. Wer schlecht schläft, ist am nächsten Tag müde und unkonzentriert, und das belastet oft die ganze Familie.
Abends fällt es vielen Kindern schwer herunterzufahren, Kindern mit ADHS oft besonders. Licht oder Geräusche können das Einschlafen zusätzlich erschweren, vor allem bei grosser Reizempfindlichkeit. Auch Sorgen, körperliche Beschwerden oder ADHS-Medikamente können den Schlaf stören.
Was helfen kann
- feste Zeiten und jeden Abend derselbe Ablauf
- eine ruhige letzte halbe Stunde vor dem Schlafen
- etwa eine Stunde vorher keine Bildschirme, kein Gerät im Kinderzimmer
- ein dunkler, ruhiger, reizarmer Schlafplatz
- Bildkarten für die Abendschritte, damit der Ablauf vorhersehbar ist
- Bewegung am Tag, gegen Abend eher Ruhe
Bleiben die Probleme über längere Zeit, ist dein Kind tagsüber sehr müde, schnarcht es regelmässig oder hat es Atemaussetzer, oder ist die Familie stark belastet, dann lass das kinderärztlich abklären. Ein Schlafprotokoll über etwa zwei Wochen hilft dabei. Gib Melatonin oder andere Schlafmittel nie auf eigene Faust; ob so etwas infrage kommt, gehört ins ärztliche Gespräch.
08 · Körper und Bewegung
Wenn der Körper andere Signale sendet.
Manche Kinder, vor allem autistische, nehmen Signale aus dem eigenen Körper anders oder später wahr: Hunger, Durst, Müdigkeit, Schmerz, Kälte oder Wärme, auch den Drang, auf die Toilette zu gehen. Wenn dein Kind plötzlich gereizt ist, kann auch das dahinterstecken.
Umgekehrt können Berührungen sehr stark ankommen. Etiketten, Nähte und bestimmte Stoffe, Haarewaschen oder Zähneputzen sind dann echte Herausforderungen. Es kann helfen, Etiketten zu entfernen, Kleidung auf links zu drehen oder dein Kind die Haare selbst waschen zu lassen.
Motorische Schwierigkeiten kommen bei ADHS und Autismus häufiger vor. Schreiben, Ausschneiden, Knöpfe, Schuhe binden oder Essen mit Besteck brauchen dann mehr Zeit und Übung. Klettverschlüsse und Üben in Ruhe entlasten den Alltag.
Unterstützung gibt es in der Ergotherapie, die in der Regel ärztlich verordnet wird. In der Schweiz ist zudem die Psychomotoriktherapie während der Schulzeit ein Angebot der Kantone; wie man dazu kommt, ist je Kanton verschieden.
Teil 3 von 4
Alltag
Familie, Schule, Freundschaften, Medien, Ängste.
09 · Wo es im Alltag oft schwierig wird
Drei Stellen, an denen Familien viel Kraft brauchen.
Übergänge und Routinen
Aufstehen, Losgehen, Abendessen, Zubettgehen. Jeder Wechsel zwischen zwei Tätigkeiten kann Kraft kosten, und eine Planänderung bringt oft den ganzen Tag durcheinander.
Film: Umgang mit VeränderungGeschwister und Familie
Geschwister, die zurückstecken, Grosseltern mit gut gemeinten Ratschlägen, Familienfeste, die zu viel sind. Jede Person in der Familie braucht ihren Platz.
Freizeit und Ferien
Vereine, Kindergeburtstage, Ferien und Ausflüge bringen viel Neues auf einmal. Weniger Programm, Pausen und ein Plan für den Rückzug machen solche Tage oft leichter.
Film: Reizüberflutung
10 · Schule und Hausaufgaben
Wenn der Nachmittag zum Kampf wird.
Viele Kinder halten sich in der Schule zusammen und lassen zu Hause los. Hausaufgaben werden zum täglichen Streit.
Bei vielen Familien mit ADHS gehören Hausaufgaben zu den häufigsten Streitpunkten. Manche autistischen Kinder halten in der Schule durch und brauchen zu Hause zuerst eine Erholungsphase, bevor Hausaufgaben gehen. Unklare Aufträge, Perfektionismus oder langsames Schreiben machen es zusätzlich schwer.
Was helfen kann (nicht alles passt für jedes Kind)
- gleicher Ort und gleiche Zeit, ein ruhiger Arbeitsplatz ohne Ablenkung
- nach der Schule zuerst eine Pause, wenn dein Kind sie braucht
- grosse Aufgaben in kleine Schritte teilen, mit Timer und einer Höchstzeit
- kurze Pausen mit Bewegung
- ein sichtbarer Plan, was heute dran ist
Ein gutes Gespräch mit der Schule kann viel verändern; in manchen Fällen ist ein Nachteilsausgleich möglich.
Ist es dauerhaft zu viel, sprich mit der Lehrperson über den Umfang oder einen angepassten Wochenplan. Eine Hausaufgabenbetreuung kann auch die Beziehung zwischen dir und deinem Kind entlasten.
11 · Spielen und Freundschaften
Freundschaften dürfen anders aussehen.
Viele Kinder mit ADHS oder Autismus wünschen sich Freundschaften, auch wenn es von aussen nicht immer so wirkt.
Spielen und Kontakt können anders aussehen: nebeneinander spielen statt miteinander, eine einzige enge Freundin oder ein einziger enger Freund statt einer grossen Gruppe, gemeinsames Bauen statt Rollenspiel, Freundschaften mit Jüngeren oder Älteren.
Schwierig wird es oft bei ungeschriebenen Spielregeln, in lauten Gruppen oder wenn ein Streit schnell eskaliert. Nach einem Treffen braucht manches Kind Ruhe, auch wenn es schön war. Ausgrenzung und Mobbing verdienen es, ernst genommen zu werden, auch wenn dein Kind wenig darüber erzählt.
Freundschaften lassen sich nicht erzwingen, aber gut begleiten.
Was helfen kann: Gelegenheiten über gemeinsame Interessen schaffen, Treffen klein und überschaubar halten, Pausen einplanen, nach einem Konflikt gemeinsam nachbesprechen, ohne zu bewerten.
12 · Bildschirme und Medien
Wenn Ausschalten zum Kraftakt wird.
Videos, Spiele und Apps sind für viele Kinder ein Rückzugsort und ein Zugang zu ihren Interessen. Digitale Räume können für autistische Kinder planbarer und weniger anstrengend sein als manche Situationen im Alltag.
Vielen Kindern mit ADHS fällt es besonders schwer, von einem Spiel oder Video wegzukommen. Studien weisen darauf hin, dass sie häufiger problematische Nutzungsgewohnheiten entwickeln; ob Medien dabei Ursache oder Begleiterscheinung sind, ist offen. Dass Bildschirme ADHS verursachen, ist nicht belegt. Schwierig wird es auch, wenn Bildschirme die einzige Möglichkeit werden, mit Stress umzugehen.
Hilfreicher als die Uhr sind oft drei Fragen: Wofür nutzt mein Kind Medien gerade, zur Erholung, für ein Interesse, für Kontakt? Was fällt dafür weg? Und wie geht es ihm danach?
Als grobe Orientierung nennen Fachstellen für Kinder im Kindergarten- und Primarschulalter je nach Alter etwa 30 bis 60 Minuten Bildschirmzeit in der Freizeit; die Werte unterscheiden sich zwischen den Ländern. Es sind Richtwerte, keine starren Regeln.
Was helfen kann
- Abmachungen gemeinsam treffen und aufschreiben, zum Beispiel mit einem Mediennutzungsvertrag. Sie gelten auch für Erwachsene.
- Das Ende ein paar Minuten vorher ankündigen, mit einem sichtbaren Timer oder einer Sanduhr, und klar sagen, was danach kommt.
- Beim Essen und morgens vor Schule oder Kindergarten bleiben Bildschirme aus, ebenso mindestens eine Stunde vor dem Schlafen.
- Keine Geräte im Kinderzimmer, vor allem nicht über Nacht.
- Wann immer möglich gemeinsam schauen oder spielen und danach darüber reden.
- Bildschirme nicht als Belohnung oder Strafe einsetzen.
Leiden Schlaf, Schule oder Freundschaften über längere Zeit, zieht sich dein Kind stark zurück oder gibt es fast täglich heftigen Streit ums Ausschalten, dann lohnt sich Beratung, zum Beispiel in der Kinderarztpraxis oder bei einer Erziehungs- oder Suchtberatungsstelle.
13 · Ängste
Wenn die Welt sich unsicher anfühlt.
Bei Kindern mit ADHS kommen Ängste häufiger dazu als bei anderen Kindern. Auch bei autistischen Kindern sind Ängste eine häufige Begleiterscheinung. Nicht jede Angst ist aber gleich eine Angststörung.
Unerwartete Veränderungen können manchen autistischen Kindern Angst machen. Auch bestimmte Geräusche, Licht oder Berührungen können Angst auslösen. Trennungsangst gehört in jungen Jahren zur Entwicklung, kann aber hartnäckiger sein.
Was helfen kann
- Ängste ernst nehmen und darüber sprechen, statt sie wegzureden. Sätze wie «Du brauchst doch keine Angst zu haben» helfen selten.
- Veränderungen früh ankündigen und mit Bildern begleiten.
- Sich in kleinen Schritten annähern, ohne zu überfordern. Bei Reizüberflutung hilft es eher, Reize zu verringern, als sie aushalten zu lassen.
- Deinem Kind helfen, Gefühle auszudrücken, zum Beispiel mit Bildern oder einer Angstskala.
- Selbst möglichst gelassen bleiben und Sicherheit geben.
Will dein Kind nicht mehr in die Schule, steckt oft etwas dahinter: Lärm, soziale Schwierigkeiten, Wechsel oder Angst. Sucht gemeinsam mit der Schule nach dem Grund und reagiert früh.
Schränken Ängste den Alltag, den Kindergarten, die Schule oder den Schlaf stark ein oder gibt es Panikattacken, dann hol dir fachliche Hilfe: bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, beim schulpsychologischen Dienst oder in der Kinder- und Jugendpsychotherapie oder -psychiatrie. Für autistische Kinder gibt es angepasste Therapieformen.
14 · Starke Anforderungsvermeidung
Wenn selbst Gewolltes plötzlich unmöglich wird.
Manche Kinder weichen alltäglichen Anforderungen sehr stark aus: anziehen, essen, losgehen, Hausaufgaben. Das betrifft oft auch Dinge, die sie selbst gern tun würden. Für eine ausgeprägte Form dieser Anforderungsvermeidung wird manchmal die Bezeichnung PDA verwendet, kurz für Pathological Demand Avoidance.
PDA ist keine eigene Diagnose. Fachleute sind sich uneinig, wie es einzuordnen ist: Die einen sehen ein Profil innerhalb des Autismus-Spektrums, andere ein Verhaltensmuster, das bei verschiedenen Diagnosen vorkommen kann. Diskutiert werden Zusammenhänge mit Stress, Angst und einem starken Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Geklärt ist das bisher nicht.
Je nach Kind kann es helfen, Druck zu reduzieren: Anforderungen indirekter formulieren, Wahlmöglichkeiten anbieten, Abläufe vorhersehbar machen, die Beziehung vor das Durchsetzen stellen. Das ist anstrengend, und auch deine Grenzen zählen.
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Unterstützung
Was hilft, was du für dich tun kannst, Abklärung.
15 · Was im Alltag helfen kann
Bedingungen, die deinem Kind und dir das Leben leichter machen können.
- Den Tag vorhersehbar machen: ein Wochenplan mit Bildern, Wechsel ankündigen, Änderungen früh besprechen.
- Reize reduzieren und Rückzugsorte schaffen, zu Hause und wenn möglich auch in der Schule.
- Aufgaben in kleine, sichtbare Schritte teilen.
- Stärken und Interessen ernst nehmen. Sie sind oft der beste Zugang zu deinem Kind.
- Nach einem Ausbruch zuerst für Ruhe sorgen und erst später darüber reden.
- Mit deinem Kind sprechen statt über dein Kind, auch bei Gesprächen mit Fachpersonen.
- Absprachen mit Schule, Kita oder Betreuung treffen, damit alle ähnlich reagieren.
16 · Was du für dich tun kannst
Du musst nicht alles allein tragen.
Viele Eltern von Kindern mit ADHS oder Autismus sind erschöpft. Das ist kein Versagen, sondern eine Folge von viel Organisation, vielen Gesprächen und wenig Pausen. Hol dir Unterstützung: bei Menschen aus deinem Umfeld, im Austausch mit anderen Eltern oder in einer Beratung für dich.
Bei ADHS empfehlen Leitlinien Elternberatung oder Elterntrainings mit ADHS-spezifischen Strategien, im Vorschulalter als erste Unterstützung. Dort geht es zum Beispiel darum, schwierige Situationen früher zu erkennen, Anforderungen passender zu gestalten und Konflikte im Alltag anders zu begleiten. Ein Elterntraining heisst nicht, dass du etwas falsch gemacht hast.
Austausch und Beratung für Eltern findest du über diese Verzeichnisse und Stellen:
17 · Abklärung bei Kindern
Wer abklärt, und was du vorher wissen solltest.
Eine Autismus-Diagnose ist manchmal schon im Kleinkindalter möglich, bei vielen Kindern werden die Schwierigkeiten aber erst im Kindergarten- oder Schulalter deutlich.
- Schweiz: Erste Anlaufstelle ist oft die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Abklärungen machen Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, kinder- und jugendpsychiatrische Dienste sowie entwicklungspädiatrische Abteilungen von Kinderspitälern. Der schulpsychologische Dienst klärt schulische Fragen ab und kann weiterverweisen.
- Deutschland: Diagnosen stellen Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Kinderärztinnen und Kinderärzte mit entsprechender Erfahrung oder Zusatzqualifikation. Bei Verdacht auf Autismus sind auch sozialpädiatrische Zentren eine Anlaufstelle.
- Österreich: Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, oft gemeinsam mit klinischer Psychologie und weiteren Gesundheitsberufen.
So läuft eine Abklärung meist ab
- Erste Anlaufstelle ist meist die Kinderärztin oder der Kinderarzt, bei Fragen rund um die Schule auch der schulpsychologische Dienst.
- Anmeldung bei einer Fachstelle für die Abklärung. Mit Wartezeit muss man rechnen.
- Mehrere Termine: Gespräche mit dir und deinem Kind, Fragebögen und oft auch Angaben aus Kita, Schule oder Therapie.
- Abschlussgespräch und Bericht mit Empfehlungen für die nächsten Schritte.
Fragen zu Medikamenten gehören in das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.
18 · Unterstützung durch KOPFKINO
Begleitung für dich als Elternteil, und Wissen für Schulen und Elternabende.
Im 1:1-Coaching ist Platz für dich als Mutter, Vater oder Bezugsperson: für deinen Alltag, deine Grenzen und die Frage, wie du dein Kind gut begleiten kannst, ohne dich selbst zu verlieren.
Es geht um deine Situation, nicht um eine Abklärung oder Behandlung deines Kindes. Das Coaching findet online statt. Rahmen und Ablauf klären wir im Erstgespräch.
Vorträge und Elternabende zu ADHS und Autismus sind buchbar, zum Beispiel für Schulen und Elternvereine. Eine Begleitung für ganze Familien ist in Entwicklung und noch nicht buchbar.
Deborah hat lange mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet: an einer heilpädagogischen Sonderschule, in einem Kinderheim und in der offenen Kinder- und Jugendarbeit.
Kostenloses Erstgespräch19 · Für wen das passt
Für wen das passt, und wann nicht.
Das passt, wenn …
- Du begleitest ein Kind mit ADHS, Autismus oder beidem, mit oder ohne Diagnose.
- Du möchtest verstehen, was im Familienalltag passiert, und herausfinden, was dir und deinem Kind hilft.
- Du suchst eine Begleitung auf Augenhöhe, in deinem Tempo und mit klarem Rahmen.
Gerade nicht passend, wenn …
- Du suchst eine Abklärung, Therapie oder Medikamentenberatung für dein Kind. Dafür sind Fachstellen da.
- Dein Kind oder du seid gerade in einer akuten Krise. Dann wende dich bitte an die Nummern unten.
Dich begleitet Deborah Stephan. Sie verbindet rund 20 Jahre sozialpädagogische Praxis mit Coaching und vertieftem Fachwissen zu ADHS und Autismus.
Mehr über Deborah und ihre Haltung20 · Mehr verstehen
Innere Filme zum Weiterlesen.
- Reizüberflutung: Wenn alles zu laut wird
- Starke Emotionen: Wenn Gefühle sofort kippen
- Umgang mit Veränderung: Warum Neues so viel Kraft kostet
- Verbindung: Verstanden werden, ohne zu erklären
- Eigene Bedürfnisse: Was brauche ich eigentlich?
Mehr Orientierung
- ADHS bei Erwachsenen: was im Alltag hilft
- Autismus bei Erwachsenen: sich selbst neu verstehen
- AuDHS: wenn ADHS und Autismus zusammenkommen
- ADHS und Autismus bei Frauen: oft spät erkannt
- ADHS oder Autismus abklären lassen: so läuft es bei Erwachsenen
- Wenn deine Partnerin oder dein Partner ADHS oder Autismus hat
- ADHS und Autismus bei Jugendlichen: für Eltern
21 · Klare Grenzen
Was Coaching bei KOPFKINO nicht ist.
KOPFKINO ist Coaching und keine Psychotherapie, medizinische Behandlung oder Diagnostik. KOPFKINO bietet keine Krisenintervention und ist nicht für akute psychische Notfälle zuständig.
Wenn eine diagnostische Abklärung im Raum steht, können wir gemeinsam sortieren, welche Fragen du dazu hast und was ein möglicher nächster Schritt wäre. Die Diagnostik selbst erfolgt durch entsprechend qualifizierte Fachstellen.
In einer akuten Krise
Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, im Notfall 144. Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111. Österreich: Telefonseelsorge 142. Im Notfall überall: 112.
Für Kinder, Jugendliche und Eltern
Schweiz: Pro Juventute 147 für Kinder und Jugendliche, kostenlos und rund um die Uhr; Elternberatung 058 261 61 61, rund um die Uhr. Deutschland: Nummer gegen Kummer, Kinder- und Jugendtelefon 116 111, Elterntelefon 0800 111 0 550. Österreich: Rat auf Draht 147 für Kinder, Jugendliche und Bezugspersonen, kostenlos und rund um die Uhr.
22 · Häufige Fragen
Fragen von Eltern zu ADHS und Autismus bei Kindern.
Ist ADHS oder Autismus die Folge von Erziehung?
Nein. ADHS und Autismus sind neuroentwicklungsbedingt, Vererbung spielt eine grosse Rolle. Wie Eltern reagieren, kann den Alltag leichter oder schwerer machen, aber Erziehung ist nicht die Ursache.
Ab welchem Alter kann ADHS oder Autismus abgeklärt werden?
Autismus kann manchmal schon bei Kleinkindern erkannt werden, ADHS meist ab dem Kindergartenalter. Viele Kinder werden aber erst im Schulalter oder als Jugendliche abgeklärt, besonders wenn sie sich stark anpassen.
Was bedeutet Co-Regulation?
Co-Regulation heisst, dass ein Kind mit Hilfe einer vertrauten Person wieder ins Gleichgewicht findet. So lernen Kinder nach und nach, mit grossen Gefühlen selbst umzugehen. Kindern mit ADHS oder Autismus fällt das oft schwerer. Auch passende Bedingungen helfen, zum Beispiel weniger Reize oder ein Rückzugsort.
Was hilft bei einem Wutausbruch oder Meltdown?
Während eines Meltdowns hilft vor allem Sicherheit: Reize reduzieren, wenig reden, da bleiben, ohne zu bedrängen. Erklärungen und Gespräche haben erst später Platz, wenn sich dein Kind erholt hat.
Mein Kind isst nur wenige Lebensmittel. Was kann ich tun?
Druck hilft selten. Biete neben vertrauten Lebensmitteln immer wieder kleine Mengen Neues an, ohne dass dein Kind es essen muss. Isst dein Kind über längere Zeit sehr wenig, nimmt es ab oder wächst es nicht wie erwartet, lass das kinderärztlich abklären.
Mein Kind hat kaum Freunde. Muss ich mir Sorgen machen?
Nicht unbedingt. Manche Kinder sind mit einer einzigen engen Freundschaft oder mit wenig Kontakt zufrieden. Wichtig ist, ob dein Kind selbst darunter leidet oder sich mehr Kontakt wünscht. Dann helfen Gelegenheiten über gemeinsame Interessen und ein Blick darauf, was Kontakte gerade schwer macht.
Mein Kind kann abends nicht einschlafen. Was hilft?
Feste Zeiten, jeden Abend derselbe ruhige Ablauf und ein dunkler, reizarmer Schlafplatz helfen vielen Kindern. Etwa eine Stunde vor dem Schlafen sind Bildschirme besser aus. Bleiben die Probleme länger, lass das kinderärztlich abklären, und gib Schlafmittel nie auf eigene Faust.
Hausaufgaben enden bei uns jeden Tag im Streit. Was hilft?
Ein fester Ort, eine feste Zeit, kleine Portionen mit Pausen und eine Höchstzeit helfen vielen Kindern. Manche brauchen nach der Schule zuerst Erholung. Ist es dauerhaft zu viel, sprich mit der Lehrperson über den Umfang.
Wenn du herausfinden möchtest, ob eine Begleitung für dich als Elternteil passt, können wir uns in einem kostenlosen Erstgespräch kennenlernen.
