Orientierung · Sucht

Wenn Konsum zur Strategie wird: ADHS, Autismus und Sucht

Für manche ist das Glas am Abend der einzige Moment, in dem der Kopf leiser wird. Andere merken, dass Spielen, Kiffen oder Wetten mehr Raum einnehmen, als ihnen lieb ist. Hier findest du, warum ADHS und Autismus mit einem höheren Risiko für Sucht verbunden sind, was dahinterstecken kann und wo du ohne Scham Unterstützung findest.

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01 · Vielleicht kommt dir das bekannt vor

Ein Weg, leiser zu werden, der irgendwann selbst laut wird.

  • Nach dem ersten Glas wird es endlich still im Kopf.
  • Auf Festen hilft dir der Alkohol mitzuhalten, bis du nicht mehr kannst.
  • Ein Joint am Abend, damit du überhaupt schlafen kannst.
  • «Nur noch eine Runde», und plötzlich ist es drei Uhr morgens.
  • Du hast schon oft aufgehört und wieder angefangen.
  • Du fragst dich, ob deine ADHS-Medikamente abhängig machen.

Diese Szenen sind keine Checkliste und ersetzen keine Abklärung. Sie beschreiben, wie es sich für manche anfühlt.

02 · Ein Zusammenhang, kein Schicksal

Häufiger, als viele denken.

Menschen mit ADHS entwickeln häufiger eine Suchterkrankung als Menschen ohne ADHS. Das gilt für Nikotin, Alkohol, Cannabis und andere Substanzen. Umgekehrt haben viele Menschen in Suchtbehandlung eine ADHS, oft ohne es zu wissen.

Wie viele es sind, hängt stark von Studie und Land ab. Im Durchschnitt hat etwa jede vierte bis fünfte Person in Suchtbehandlung eine ADHS, in einzelnen Ländern deutlich weniger, in anderen mehr.

Ein höheres Risiko ist kein Schicksal.

Es heisst aber, dass es sich lohnt, ehrlich hinzuschauen: früh, ohne Scham und mit Menschen, die ADHS und Autismus mitdenken.

03 · Warum Konsum anziehend sein kann

Manchmal geht es um mehr als Genuss.

Viele Menschen mit ADHS oder Autismus beschreiben, dass Alkohol, Nikotin oder Cannabis ihnen zuerst etwas gegeben haben, das ihnen sonst fehlte. Fachleute sprechen manchmal von Selbstmedikation. Das ist ein Erklärungsversuch, kein Beweis, aber er hilft, den eigenen Konsum ohne Schuld zu verstehen.

  • Leiser werden

    Den Kopf bremsen, innere Unruhe dämpfen, endlich einschlafen. Was kurzfristig beruhigt, verschlechtert oft den Schlaf und die Stimmung am nächsten Tag.

  • Reiz und Impuls

    Neues, Spannung, das «jetzt sofort». Impulsivität kann es schwerer machen, nach dem ersten Glas oder der ersten Runde aufzuhören.

  • Dazugehören

    Gespräche, Feste, Nähe. Für manche macht Alkohol soziale Situationen kurzfristig leichter auszuhalten oder Gespräche einfacher. Solche Erfahrungen werden beschrieben, sind aber noch wenig untersucht.

Dazu kommen Anlagen, die ADHS und Sucht teilweise gemeinsam haben, vor allem beim Rauchen und bei Cannabis. Mit «Willensschwäche» hat das nichts zu tun.

04 · Autismus und Konsum

Ein uneinheitliches Bild.

Die Forschung zu Autismus und Substanzkonsum zeigt ein uneinheitliches Bild. Einige Studien finden, dass autistische Erwachsene insgesamt weniger konsumieren. Gleichzeitig berichten manche, Alkohol oder andere Substanzen gezielt einzusetzen, um mit Angst, Anspannung oder sozialen Situationen umzugehen.

Deutlich höher ist das Risiko in Studien, wenn Autismus und ADHS zusammenkommen.

Für dich zählt deshalb weniger der Durchschnitt als die Frage, welche Rolle Konsum in deinem Alltag spielt.

05 · Alkohol, Nikotin, Cannabis und mehr

Was kurzfristig hilft, hat oft einen Preis.

Jede Substanz wirkt anders. Gemeinsam ist vielen, dass sie kurzfristig etwas erleichtern, das mit ADHS oder Autismus schwer ist, und längerfristig neue Probleme schaffen.

  • Alkohol kann entspannen und Hemmungen senken, stört aber den Schlaf und kann Impulsivität und Stimmungsschwankungen verstärken.
  • Nikotin wird von manchen als anregend und konzentrationsfördernd erlebt. Menschen mit ADHS beginnen häufiger zu rauchen und hören seltener auf.
  • Cannabis wird von manchen als beruhigend oder schlaffördernd erlebt. Häufiger oder starker Konsum kann aber Konzentration und Gedächtnis beeinträchtigen. Beim Absetzen können unter anderem Unruhe und Schlafprobleme auftreten. Vieles davon bildet sich ohne Konsum grösstenteils zurück.
  • Kokain und andere Aufputschmittel konsumieren manche mit dem Wunsch nach mehr Fokus oder Energie. Das Risiko für Abhängigkeit und gesundheitliche Schäden ist hoch.

Hier geht es nicht um Bewertung, sondern darum, Muster zu erkennen.

06 · Wenn es kein Stoff ist

Auch Spielen oder Wetten können kippen.

Auch ohne Substanz können Verhaltensweisen problematisch werden. Bei ADHS finden Studien unter anderem häufiger problematisches Gaming und Glücksspiel. Auch Essanfälle treten häufiger auf. Sie gehören aber zu den Essstörungen, nicht zu den Suchterkrankungen.

Intensive Interessen und Hyperfokus sind keine Sucht. Viele neurodivergente Menschen tauchen tief in etwas ein, und das ist oft eine Stärke.

Entscheidend ist, ob du noch wählen kannst, ob es mehr wird, obwohl du es nicht willst, und ob Schlaf, Beziehungen, Geld oder Arbeit darunter leiden.

07 · ADHS-Medikamente

Machen ADHS-Medikamente süchtig?

Diese Frage hören Fachleute oft. Nach heutigem Wissen erhöhen ADHS-Medikamente das Risiko für eine Suchterkrankung nicht, wenn sie ärztlich verschrieben und begleitet werden.

ADHS behandeln heisst nicht, eine Sucht auszulösen.

Mehrere grosse Studien finden sogar weniger Suchtprobleme in Zeiten, in denen Menschen ihre ADHS-Medikamente nehmen. Ein sicherer Schutz ist das aber nicht, und nicht alle Studien kommen zu diesem Ergebnis.

Wenn früher eine Sucht da war, wählt die Fachperson Medikament und Begleitung mit besonderer Sorgfalt. Fragen zu Alkohol und Medikamenten gehören zu deiner Ärztin, deinem Arzt oder in die Apotheke.

08 · Abklärung, wenn Konsum im Spiel ist

Du musst nicht erst aufhören, um ernst genommen zu werden.

Alkohol, Cannabis oder ein Entzug können selbst Unruhe und Konzentrationsprobleme auslösen. Deshalb schauen Fachleute genau hin: Gab es die Schwierigkeiten schon in der Kindheit? Wie geht es dir in Phasen ohne Konsum?

Aktuelle Leitlinien empfehlen, Konsum offen und ohne Wertung anzusprechen und eine ADHS-Abklärung nicht pauschal aufzuschieben. Verschoben wird sie nur bei akutem Rausch oder schwerem Entzug.

Wenn ADHS und eine Suchterkrankung zusammenkommen, sollten beide in der Behandlung berücksichtigt werden. Offen über deinen Konsum zu sprechen, hilft der Einordnung.

09 · Ehrlich hinschauen

Hinschauen, ohne dich zu verurteilen.

Diese Fragen sind kein Test. Sie können helfen, deinen Konsum ehrlicher zu sehen.

  • Brauchst du es, um ruhig zu werden, unter Menschen zu sein oder zu schlafen?
  • Ist es mit der Zeit mehr geworden?
  • Hast du schon versucht, weniger zu konsumieren, und es ist dir schwergefallen?
  • Leiden Schlaf, Gesundheit, Beziehungen, Geld oder Arbeit darunter?
  • Machen sich Menschen, die dir nahestehen, Sorgen?

Wenn du bei einigen Fragen innehältst, ist das kein Urteil über dich. Es ist ein guter Moment, mit einer Fachstelle zu sprechen, auch anonym.

10 · Was unterstützen kann

Andere Wege zur Ruhe finden, Schritt für Schritt.

Hilfe holen ist kein Scheitern. Oft hilft es, den Konsum und das, was darunter liegt, gemeinsam anzuschauen.

  • eine Suchtfachstelle oder SafeZone.ch, die anonyme Online-Beratung in der Schweiz
  • eine Behandlung, die ADHS und Autismus mitdenkt, statt sie zu übersehen
  • andere Wege zur Regulation: Bewegung, Schlaf, Reize dosieren, Pausen, feste Abläufe
  • Menschen, mit denen du ohne Maske und ohne Urteil reden kannst
  • Geduld mit dir: Ein Rückfall bedeutet nicht, dass Veränderung gescheitert ist

11 · Für Angehörige

Wenn du dir Sorgen um jemanden machst.

Vielleicht beobachtest du, dass deine Partnerin, dein Partner, dein Kind oder eine Freundin oder ein Freund mehr trinkt, kifft oder spielt, und du vermutest, dass ADHS oder Autismus mitspielen.

Sprich über das, was du siehst, und über deine Sorge, nicht über eine Diagnose. Vorwürfe können Scham verstärken und Gespräche erschweren.

Du kannst niemanden zur Veränderung zwingen. Achte auch auf deine eigenen Grenzen und hol dir Unterstützung, etwa bei einer Suchtfachstelle für Angehörige oder bei Al-Anon.

12 · Unterstützung durch KOPFKINO

Ergänzend, nicht anstelle einer Suchtbehandlung.

Im 1:1-Coaching können wir begleitend anschauen, wie ADHS oder Autismus deinen Alltag, deine Regulation, deine Reizbelastung und deine Strukturen beeinflussen. Das Coaching findet online statt.

Wenn dein Konsum gesundheitlich oder suchtmedizinisch relevant ist, braucht es dafür eine Fachstelle. Coaching kann ergänzend dazu an ADHS, Autismus, Alltag und Regulation ansetzen. KOPFKINO bietet keine Suchtberatung, keinen Entzug und keine Therapie an.

Kostenloses Erstgespräch

13 · Für wen das passt

Für wen das passt, und wann nicht.

Das passt, wenn …

  • Du möchtest verstehen, wie ADHS oder Autismus deinen Alltag und deine Regulation prägen.
  • Du bist in einer Suchtbehandlung und möchtest ergänzend an Alltag, Struktur und Regulation arbeiten.
  • Du bist angehörig und suchst einen guten Umgang mit deiner Sorge.

Gerade nicht passend, wenn …

  • Dein Konsum ist gesundheitlich oder suchtmedizinisch relevant, und du hast noch keine fachliche Begleitung. Dann ist eine Suchtfachstelle der richtige erste Schritt.
  • Du brauchst einen Entzug oder eine Therapie.
  • Du bist gerade in einer akuten Krise. Dann wende dich bitte an die Nummern unten.

Dich begleitet Deborah Stephan. Sie verbindet rund 20 Jahre sozialpädagogische Praxis mit Coaching und vertieftem Fachwissen zu ADHS und Autismus.

Mehr über Deborah und ihre Haltung

15 · Klare Grenzen

Was Coaching bei KOPFKINO nicht ist.

KOPFKINO ist Coaching und keine Psychotherapie, medizinische Behandlung oder Diagnostik. KOPFKINO bietet keine Krisenintervention und ist nicht für akute psychische Notfälle zuständig.

Wenn eine diagnostische Abklärung im Raum steht, können wir gemeinsam sortieren, welche Fragen du dazu hast und was ein möglicher nächster Schritt wäre. Die Diagnostik selbst erfolgt durch entsprechend qualifizierte Fachstellen.

In einer akuten Krise

Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, im Notfall 144. Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111. Österreich: Telefonseelsorge 142. Im Notfall überall: 112.

Bei Suchtfragen

Schweiz: anonyme Online-Beratung bei SafeZone.ch, Fachstellen in deiner Nähe im Suchtindex. Anonyme Alkoholiker 0848 848 885, Al-Anon für Angehörige 0848 848 843, SOS-Spielsucht 0800 040 080. Deutschland: Sucht & Drogen Hotline 01806 313031.

16 · Häufige Fragen

Fragen zu ADHS, Autismus und Sucht.

Haben Menschen mit ADHS häufiger eine Sucht?

Ja, das Risiko ist erhöht. Etwa jede vierte bis fünfte Person in Suchtbehandlung hat eine ADHS, je nach Studie und Land deutlich weniger oder mehr. Ein höheres Risiko heisst aber nicht, dass es so kommen muss.

Warum trinken manche Menschen mit ADHS, um ruhiger zu werden?

Alkohol kann innere Unruhe und kreisende Gedanken kurzfristig dämpfen. Fachleute sprechen von Selbstmedikation, das ist ein Erklärungsversuch. Längerfristig verschlechtert Alkohol oft Schlaf, Stimmung und Konzentration.

Trinken autistische Menschen häufiger Alkohol?

Die Forschung ist uneinheitlich. Einige Studien finden, dass autistische Erwachsene insgesamt weniger konsumieren, andere finden bei einem Teil problematischen Alkoholkonsum. Manche setzen Alkohol gezielt ein, um mit Angst oder sozialen Situationen umzugehen. Kommt ADHS dazu, ist das Risiko in Studien deutlich höher.

Machen ADHS-Medikamente süchtig?

Nach heutigem Wissen erhöhen sie das Suchtrisiko nicht, wenn sie ärztlich verschrieben und begleitet werden. Manche Studien finden sogar weniger Suchtprobleme während der Behandlung. Bei einer früheren Sucht wählt die Fachperson Medikament und Begleitung besonders sorgfältig.

Darf ich mit ADHS-Medikamenten Alkohol trinken?

Das hängt vom Medikament, von der Dosis und von deiner Gesundheit ab. Bitte besprich das mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder in der Apotheke und lies die Packungsbeilage. KOPFKINO kann dazu keine medizinische Auskunft geben.

Kann ADHS abgeklärt werden, wenn ich konsumiere?

Ja. Die Abklärung wird nur bei akutem Rausch oder schwerem Entzug verschoben. Wichtig sind Hinweise aus der Kindheit und wie es dir in Phasen ohne Konsum geht. Sprich in der Abklärung offen über deinen Konsum.

Ist Gaming bei ADHS eine Sucht?

Nicht automatisch. Viele Menschen mit ADHS spielen gern und intensiv. Studien finden aber häufiger problematisches Gaming. Entscheidend ist, ob du noch wählen kannst und ob Schlaf, Beziehungen oder Arbeit darunter leiden.

Wo finde ich in der Schweiz Hilfe bei Suchtfragen?

Anonym und online bei SafeZone.ch. Fachstellen in deiner Nähe findest du im Suchtindex von Infodrog. Die Anonymen Alkoholiker erreichst du unter 0848 848 885, Angehörige finden Al-Anon unter 0848 848 843, bei Glücksspiel hilft SOS-Spielsucht unter 0800 040 080.

Wenn du verstehen möchtest, wie ADHS oder Autismus deinen Alltag und deine Regulation prägen, können wir uns in einem kostenlosen Erstgespräch kennenlernen.