Orientierung · Ursachen und Gehirn

Was bei ADHS und Autismus im Gehirn anders ist, und was nicht

Vielleicht hast du dich gefragt, woher dein ADHS oder Autismus kommt, ob es vererbt ist oder ob jemand etwas falsch gemacht hat. Hier erfährst du, was die Forschung über Ursachen und Gehirn weiss, wo sie noch unsicher ist und welche Erklärungen nicht stimmen.

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01 · Vielleicht kommt dir das bekannt vor

Fragen, die viele nach einer Diagnose beschäftigen.

  • Nach deiner Abklärung sagt deine Mutter leise: «Dein Vater war genauso.»
  • Du fragst dich, ob in der Schwangerschaft oder in deiner Kindheit etwas schiefgelaufen ist.
  • Im Netz liest du, dir fehle einfach Dopamin, und fragst dich, ob das stimmt.
  • Deine Schwester ist ganz anders als du, obwohl ihr gleich aufgewachsen seid.
  • Jemand sagt, früher habe es das alles nicht gegeben, das komme vom Handy.
  • Du möchtest verstehen, warum manches dich so viel mehr Kraft kostet als andere.

Diese Seite erklärt, was über Ursachen bekannt ist. Ob eine Diagnose passt, kann nur eine fachliche Abklärung sagen.

Teil 1 von 3

Woher es kommt

Gene, Entwicklung und was nicht dahintersteckt.

02 · Neuroentwicklung

Früh angelegt.

ADHS und Autismus gelten als neuroentwicklungsbedingt. Ihre Grundlagen entstehen früh in der Entwicklung des Gehirns, stark beeinflusst durch Gene. Sie sind keine Frage von Willenskraft oder Charakter und kein Zeichen, dass etwas kaputtgegangen ist.

Warum fällt es manchen erst als Erwachsene auf? Oft, weil sich die Anforderungen ändern. Solange Schule, Familie oder ein klarer Alltag Halt geben, lässt sich vieles ausgleichen. Mit Beruf, Haushalt, Beziehung oder Kindern wird die Last grösser, und Schwierigkeiten werden sichtbar.

Bei vielen bleiben Merkmale bis ins Erwachsenenalter. Wie sie sich zeigen und wie belastend sie sind, hängt aber auch von Lebensphase, Anforderungen und Umfeld ab, vom Wissen über dich selbst und von passender Unterstützung.

03 · Gene und Vererbung

Genetische Faktoren spielen eine besonders grosse Rolle.

Zwillings- und Familienstudien zeigen, dass Gene bei ADHS und Autismus viel ausmachen. Für ADHS liegt der Wert im Mittel bei rund 74 Prozent, für Autismus um 80 Prozent.

Wichtig ist, was diese Zahl bedeutet. Sie sagt nicht, dass dein ADHS «zu 74 Prozent vererbt» ist. Sie beschreibt, wie stark Unterschiede zwischen Menschen in einer Bevölkerung mit genetischen Unterschieden zusammenhängen. Für eine einzelne Person lässt sich das nicht ausrechnen.

Ein «ADHS-Gen» oder «Autismus-Gen» gibt es nicht. Bei ADHS wirken viele häufige Genvarianten mit je kleiner Wirkung zusammen, viele davon sind in der frühen Hirnentwicklung aktiv. Bei Autismus kommen manchmal seltene Veränderungen mit grösserer Wirkung dazu.

Was das für Familien heisst

  • Oft erkennen sich Eltern, Geschwister oder Grosseltern wieder, manchmal erst nach der Diagnose eines Kindes.
  • Anlagen können von der Mutter und vom Vater kommen.
  • Geschwister können sehr verschieden sein, auch wenn sie ähnliche Anlagen haben.
  • ADHS und Autismus teilen einen Teil ihrer genetischen Grundlagen. Auch deshalb treten sie oft gemeinsam auf.

04 · Schwangerschaft und frühe Kindheit

Was vor und nach der Geburt mitspielen kann.

Neben den Genen untersucht die Forschung Einflüsse in der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit. Gefunden wurden Zusammenhänge, zum Beispiel mit einer sehr frühen Geburt. Ob solche Faktoren ADHS oder Autismus tatsächlich verursachen, ist bei den meisten noch offen.

Manche Zusammenhänge erklären sich über die Familie. Beim Rauchen in der Schwangerschaft etwa verschwindet der Zusammenhang mit ADHS weitgehend, wenn man berücksichtigt, ob ADHS in der Familie schon vorkommt.

Wenn du dich als Mutter oder Elternteil fragst, ob du etwas falsch gemacht hast: Die Forschung gibt keinen Anlass, dir die Schuld zu geben. Genetische Faktoren machen viel aus, und vieles andere liegt ausserhalb dessen, was jemand beeinflussen kann.

05 · Was nicht die Ursache ist

Erziehung, Zucker, Impfungen: was nicht dahintersteckt.

Über die Ursachen kursieren viele Erklärungen. Manche halten sich hartnäckig, obwohl die Forschung sie nicht stützt.

  • Erziehung

    Ein belastendes Umfeld kann Schwierigkeiten verstärken. Dass Erziehung ADHS verursacht, ist nicht belegt; Zusammenhänge mit dem Familienumfeld gelten als Begleitfaktoren. Bei Autismus gilt Erziehung als Ursache als widerlegt.

  • Zucker und Ernährung

    Zucker hängt nach mehreren grossen Studien nicht mit ADHS zusammen, und bei künstlichen Farbstoffen zeigen sich höchstens sehr kleine Effekte. Als Ursache spielt Ernährung kaum eine Rolle. Für den Alltag ist sie trotzdem wichtig: Regelmässige, ausgewogene Mahlzeiten helfen, Energie und Konzentration stabiler zu halten, gerade wenn Hunger erst spät bemerkt wird.

  • Impfungen

    Studien mit insgesamt weit über einer Million Kindern finden keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus, auch nicht bei der Masern-Mumps-Röteln-Impfung.

  • Bildschirme

    Dass Handy, Fernsehen oder Games ADHS oder Autismus verursachen, ist nicht belegt. Dass heute mehr ADHS-Diagnosen gestellt werden, bedeutet nicht automatisch, dass ADHS häufiger geworden ist. Ein grosser Teil des Anstiegs hängt mit veränderter Diagnostik und mehr Aufmerksamkeit zusammen.

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Teil 2 von 3

Was im Gehirn anders ist

Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Steuerung.

06 · ADHS im Gehirn

Was bei ADHS im Gehirn anders ist.

Grosse Studien mit Tausenden Hirnscans finden bei ADHS im Durchschnitt kleine Unterschiede, etwa in Regionen, die an Belohnung, Gefühlen und Bewegung beteiligt sind. Am deutlichsten sind sie bei Kindern. Bei Erwachsenen lassen sie sich kaum noch nachweisen.

Daraus folgt: Ein Hirnbild zeigt nicht, ob jemand ADHS hat. Die Diagnose stellt eine Fachperson anhand von Gesprächen, Lebensgeschichte und Fragebögen.

Viele Menschen mit ADHS reagieren stärker auf das, was sofort belohnt, als auf das, was erst später kommt. Studien zeigen diese Tendenz im Durchschnitt. Sie passt zu der Erfahrung, dass Interesse und Dringlichkeit oft mehr bewirken als Wichtigkeit.

Oft liest man, bei ADHS fehle Dopamin. So einfach ist es nicht. Dopamin und Noradrenalin sind Botenstoffe, die bei Motivation und Aufmerksamkeit mitwirken, und Studien finden bei ADHS Veränderungen rund um Dopamin. Ein fester Mangel ist aber nicht belegt, die Befunde sind uneinheitlich.

Dopamin ist ein Teil der Erklärung, nicht die ganze.

07 · Autismus im Gehirn

Was bei Autismus im Gehirn anders ist.

Auch bei Autismus gibt es keine Hirnveränderung, die man auf einem Bild erkennen könnte. Die Forschung findet feine Unterschiede, etwa darin, wie Hirnregionen miteinander verbunden sind. Die Befunde gehen aber in verschiedene Richtungen.

Gut beschrieben sind Unterschiede in der Wahrnehmung. Viele autistische Menschen nehmen Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen stärker oder schwächer wahr als andere. Diese Unterschiede gehören heute zu den Merkmalen, die bei einer Diagnose berücksichtigt werden.

Ein Erklärungsmodell, das Forschende diskutieren: Das Gehirn arbeitet ständig mit Erwartungen darüber, was als Nächstes kommt. Bei Autismus haben solche Erwartungen möglicherweise weniger Gewicht, die Sinneseindrücke selbst dafür mehr.

Das könnte erklären, warum Vorhersehbarkeit vielen autistischen Menschen so viel Ruhe gibt und Unerwartetes so viel Kraft kostet. Es ist ein Modell, keine gesicherte Erklärung.

08 · Exekutive Funktionen

Planen, anfangen, umschalten.

Exekutive Funktionen sind die Fähigkeiten, mit denen wir unser Handeln steuern. Fachleute unterscheiden drei Kernbereiche: Impulse bremsen, Informationen im Kopf behalten und zwischen Aufgaben oder Sichtweisen umschalten. Darauf bauen Planen und Organisieren auf.

Bei ADHS und bei Autismus zeigen Studien im Durchschnitt Unterschiede in diesen Bereichen. Aber nicht bei allen: Manche haben kaum Schwierigkeiten damit, andere sehr deutliche. Exekutive Funktionen erklären einen Teil, nicht alles.

Wie sich das zeigen kann

  • Du weisst genau, was zu tun ist, und kommst trotzdem nicht ins Anfangen.
  • Ein Gedanke ist weg, sobald dich jemand unterbricht.
  • Ein geänderter Plan bringt dich für den ganzen Tag aus dem Tritt.
  • Zeit fühlt sich an wie «jetzt» oder «nicht jetzt».

Was oft hilft, verlegt die Steuerung nach aussen: sichtbare Listen, Erinnerungen, feste Abläufe, jemand, der mit dir anfängt. Solche Hilfen sind keine Schwäche. Den Ausdruck «exekutive Dysfunktion» findest du oft im Netz; er beschreibt solche Schwierigkeiten, ist aber keine eigene Diagnose.

09 · Reize, Gefühle und Körper

Wenn mehr ankommt, als sich verarbeiten lässt.

Was im Gehirn anders verarbeitet wird, zeigt sich nicht nur beim Denken. Bei ADHS und Autismus können Reizverarbeitung, Gefühlsregulation und Körperwahrnehmung eine Rolle spielen, aber nicht bei allen und nicht auf die gleiche Weise.

Über- oder Unterempfindlichkeit für Reize gehört vor allem bei Autismus zu den Merkmalen, die bei einer Diagnose berücksichtigt werden. Bei ADHS ist häufig beschrieben, dass Gefühle schnell und stark kommen und schwer zu regulieren sind.

Wenn zu viel zusammenkommt, kann das in Überlastung münden. Manche ziehen sich zurück, andere erstarren, bei manchen bricht es heraus. Das ist kein Zeichen mangelnder Willenskraft. Es zeigt, dass eine Grenze erreicht ist.

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Teil 3 von 3

Anders, nicht falsch

Begriffe und was sie dir bringen.

10 · Neurotypisch und neurodivergent

Was die Wörter bedeuten.

«Neurotypisch» wird meist für Menschen verwendet, deren Entwicklung und Verarbeitung dem entspricht, was als typisch gilt. «Neurodivergent» meint Menschen, bei denen es anders ist, etwa mit ADHS, Autismus oder Legasthenie. Beides sind keine Diagnosen.

Die Wörter stammen aus der autistischen Community der 1990er-Jahre. Die Idee dahinter heisst Neurodiversität: Gehirne sind verschieden, so wie Menschen verschieden sind. Unterschiede sind damit zunächst Unterschiede und nicht automatisch Fehler.

Das heisst nicht, dass alles leicht ist. Schwierigkeiten sind echt, und Unterstützung kann nötig sein. Neurotypisch beschreibt, was gesellschaftlich und statistisch als typisch gilt, nicht das, was richtig ist.

Ein Beispiel: Wenn sich autistische und nicht autistische Menschen missverstehen, liegt das nach dem Konzept der doppelten Empathie an beiden Seiten. Menschen verstehen einander leichter, wenn sie ähnlich ticken. Studien stützen das zum Teil.

Film: Anders sein

11 · Was dir dieses Wissen bringen kann

Verstehen, woher etwas kommt, verändert den Blick darauf.

Es geht nicht darum zu erklären, warum du «so bist». Es geht darum zu erkennen, was du brauchst.

  • Entlastung: Du bist nicht schuld, und deine Eltern sind es in aller Regel auch nicht.
  • Verständnis: Du kannst besser erklären, warum manches dich mehr Kraft kostet.
  • Passende Hilfen: Wenn du weisst, wo es hakt, kannst du gezielter suchen, was hilft.

Für eine Diagnose braucht es eine fachliche Abklärung. Hirnscans, Bluttests oder Gentests ersetzen sie nicht.

Auch Hormone können mitspielen, etwa im Zyklus oder in den Wechseljahren. Die Forschung dazu steht noch am Anfang.

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12 · Unterstützung durch KOPFKINO

Verstehen, wie du funktionierst, und den Alltag danach einrichten.

Im 1:1-Coaching schauen wir gemeinsam darauf, was dich Kraft kostet und was dir hilft, mit oder ohne Diagnose. Wissen über ADHS und Autismus ist dabei ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Das Coaching findet online statt.

Eine Abklärung, eine Therapie oder eine Beratung zu Medikamenten bietet KOPFKINO nicht an. Fragen zu Medikamenten, Abklärung und Hormonen gehören in ärztliche Hände.

Kostenloses Erstgespräch

13 · Für wen das passt

Für wen das passt, und wann nicht.

Das passt, wenn …

  • Du hast ADHS, Autismus oder beides, mit oder ohne Diagnose, und möchtest verstehen, wie du funktionierst.
  • Du möchtest aus diesem Wissen konkrete Veränderungen im Alltag machen.
  • Du suchst eine Begleitung auf Augenhöhe, in deinem Tempo und mit klarem Rahmen.

Gerade nicht passend, wenn …

  • Du suchst eine Abklärung, eine Therapie oder eine Beratung zu Medikamenten.
  • Du bist gerade in einer akuten Krise. Dann wende dich bitte an die Nummern unten.

Dich begleitet Deborah Stephan. Sie verbindet rund 20 Jahre sozialpädagogische Praxis mit Coaching und vertieftem Fachwissen zu ADHS und Autismus.

Mehr über Deborah und ihre Haltung

15 · Klare Grenzen

Was Coaching bei KOPFKINO nicht ist.

KOPFKINO ist Coaching und keine Psychotherapie, medizinische Behandlung oder Diagnostik. KOPFKINO bietet keine Krisenintervention und ist nicht für akute psychische Notfälle zuständig.

Wenn eine diagnostische Abklärung im Raum steht, können wir gemeinsam sortieren, welche Fragen du dazu hast und was ein möglicher nächster Schritt wäre. Die Diagnostik selbst erfolgt durch entsprechend qualifizierte Fachstellen.

In einer akuten Krise

Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, im Notfall 144. Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111. Österreich: Telefonseelsorge 142. Im Notfall überall: 112.

16 · Häufige Fragen

Fragen zu Ursachen und Gehirn.

Ist ADHS vererbbar, von der Mutter oder vom Vater?

Ja, genetische Faktoren spielen bei ADHS eine besonders grosse Rolle. Die Anlagen können von beiden Eltern kommen. Es gibt kein einzelnes ADHS-Gen, sondern viele Genvarianten mit je kleiner Wirkung. Deshalb haben nicht alle Kinder von Eltern mit ADHS selbst ADHS.

Fehlt bei ADHS Dopamin?

So einfach ist es nicht. Dopamin und Noradrenalin wirken bei Motivation und Aufmerksamkeit mit, und Studien finden bei ADHS Veränderungen rund um Dopamin. Ein fester Dopaminmangel ist aber nicht belegt. Dopamin ist ein Teil der Erklärung, nicht die ganze.

Ist ADHS eine Folge von Erziehung?

Dafür gibt es keine Belege. ADHS ist zu einem grossen Teil genetisch mitbestimmt. Ein belastendes Umfeld kann Schwierigkeiten verstärken, gilt aber nicht als belegte Ursache.

Kann Zucker ADHS auslösen?

Nein. Mehrere grosse Studien finden keinen Zusammenhang zwischen Zucker und ADHS. Als Ursache spielt die Ernährung nach heutigem Wissen kaum eine Rolle. Für Energie und Konzentration im Alltag sind regelmässige, ausgewogene Mahlzeiten aber hilfreich.

Was ist die Ursache von Autismus?

Autismus ist neuroentwicklungsbedingt und zu einem grossen Teil genetisch mitbestimmt. Dazu kommen Einflüsse in der Schwangerschaft, deren Bedeutung noch erforscht wird. Erziehung und Impfungen sind nicht die Ursache.

Können Impfungen Autismus auslösen?

Nein. Grosse Studien mit insgesamt weit über einer Million Kindern finden keinen Zusammenhang, auch nicht bei der Masern-Mumps-Röteln-Impfung.

Kann man ADHS oder Autismus im MRT sehen?

Nein. Studien finden Unterschiede im Durchschnitt grosser Gruppen, aber sie sind klein und eignen sich nicht für eine Diagnose. Eine Abklärung beruht auf Gesprächen, Lebensgeschichte und Fragebögen.

Was bedeutet neurotypisch?

Neurotypisch wird meist für Menschen verwendet, deren Entwicklung und Verarbeitung dem entspricht, was als typisch gilt. Das Gegenwort ist neurodivergent, etwa bei ADHS oder Autismus. Beides sind Beschreibungen, keine Diagnosen.

Wenn du herausfinden möchtest, wie du dieses Wissen für deinen Alltag nutzen kannst, können wir uns in einem kostenlosen Erstgespräch kennenlernen.