Orientierung · Alter
Nie zu spät, sich zu verstehen: ADHS und Autismus im Alter
Manche bekommen erst mit 60 oder 70 einen Namen für etwas, das sie ihr Leben lang begleitet hat. Andere kennen ihre Diagnose schon lange und merken, dass neue Lebensphasen andere Fragen mit sich bringen. Hier findest du, wie sich ADHS und Autismus im Alter zeigen können und was hilft.
Weiterlesen01 · Vielleicht kommt dir das bekannt vor
Ein Leben lang eigene Wege, und manchmal die Frage, warum.
- Du hast dein Leben lang Listen geschrieben, und trotzdem ging immer etwas unter.
- Seit der Pensionierung zerfliessen die Tage.
- Dein Enkelkind bekommt eine Diagnose, und du erkennst dich darin.
- Andere sprechen von Vergesslichkeit im Alter, du kennst das seit der Schulzeit.
- Lärm und volle Räume haben dich schon immer viel Kraft gekostet, vielleicht verstehst du heute besser, warum.
- Du fragst dich, ob es ADHS ist oder ob das Gedächtnis nachlässt.
Diese Szenen sind keine Checkliste und ersetzen keine Abklärung. Sie beschreiben, wie es sich für manche anfühlt.
02 · Ein Leben lang, nicht erst im Alter
Was heute auffällt, war oft schon immer da.
Auch im höheren Alter leben Menschen mit ADHS und mit Autismus. Viele von ihnen wurden nie diagnostiziert. Als sie Kinder waren, kannte man die Begriffe kaum, oder man dachte dabei nur an sehr auffällige Kinder.
ADHS und Autismus entstehen nicht erst im Alter. Ihre Merkmale reichen in die frühe Entwicklung zurück, auch wenn sie damals niemand erkannt hat.
Wie viele ältere Menschen ADHS haben, lässt sich schwer sagen. Je nachdem, ob Fragebögen, Diagnosen oder Behandlungen gezählt werden, reichen die Schätzungen von weit unter einem bis zu knapp drei Prozent.
Bei Autismus geht man davon aus, dass er im Alter ähnlich häufig ist wie bei Jüngeren.
03 · ADHS im Alter
Ruhiger von aussen, oft nicht von innen.
Sichtbare Hyperaktivität kann im Laufe des Lebens weniger auffallen. Manche beschreiben eher eine innere Unruhe oder ein starkes Bedürfnis, beschäftigt zu sein.
Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Planen, Anfangen, Erinnern oder Zeit können weiterhin eine Rolle spielen. Viele haben über Jahrzehnte eigene Systeme entwickelt: Listen, feste Orte, Rituale, Menschen, die erinnern.
Ältere Menschen mit ADHS erzählen oft auch von etwas anderem: vom Gefühl, ein Leben lang missverstanden worden zu sein, von Selbstzweifeln und von dem, was es gekostet hat, immer wieder aufzuholen. Eine späte Einordnung kann diese Geschichte in ein anderes Licht rücken.
04 · Autismus im Alter
Eine Generation, in der Autismus kaum erkannt wurde.
Wir wissen noch erstaunlich wenig darüber, wie autistische Menschen altern. Erste Übersichten beschreiben den Verlauf als vielschichtig: Manches kann leichter werden, soziale Herausforderungen können bleiben.
Viele ältere autistische Menschen gehören zu einer Generation, in der Autismus ausserhalb bestimmter Klischees kaum erkannt wurde. Viele haben gelernt, sich anzupassen oder ihre Bedürfnisse wenig sichtbar zu machen, teilweise mit erheblichem Kraftaufwand.
Reize, Routinen, Rückzug und die Art zu kommunizieren können auch im höheren Alter wichtig bleiben, besonders dann, wenn sich gewohnte Abläufe verändern.
Autistische Menschen beschreiben gutes Altern oft so: verstanden werden, eigene Routinen behalten dürfen, Rückzug ohne Rechtfertigung, Menschen, die ähnlich ticken.
05 · Eine Diagnose mit 60 oder 70
Nicht zu spät, sondern eine Frage, die sich jetzt stellt.
Eine Abklärung ist auch im höheren Alter möglich. Sie ist nicht deshalb unmöglich, weil die Kindheit Jahrzehnte zurückliegt. Fachpersonen suchen nach Hinweisen, dass Merkmale schon früh da waren, auch wenn sie unvollständig sind.
Diese Hinweise können aus verschiedenen Quellen kommen: alte Zeugnisse und Briefe, Erinnerungen, Geschwister, langjährige Partnerinnen oder Partner, der berufliche Weg und die eigene Lebensgeschichte.
Nicht jede Erinnerung im Rückblick beweist ADHS oder Autismus. Viele Fragebögen wurden zudem nicht für ältere Menschen entwickelt. Gerade deshalb lohnt sich eine Abklärung bei einer erfahrenen Fachperson.
Viele, die spät eine Diagnose bekommen, erleben sie als Entlastung. Sie ordnet Beziehungen, Brüche und Stärken neu. Manche entscheiden sich gegen eine formale Abklärung und nutzen eine Selbsteinordnung, um ihr Erleben besser zu verstehen. Auch das kann für sie hilfreich sein.
06 · ADHS oder Demenz?
Entscheidend ist, seit wann es so ist.
Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme und verlegte Dinge können zu ADHS gehören, aber auch zu einer beginnenden Demenz oder zu anderen Ursachen wie Schlafmangel, Depression oder Medikamenten. Die Unterscheidung ist auch für Fachleute nicht immer einfach.
Was neu ist, gehört abgeklärt.
Ein lebenslanges Muster
Wenn dich Termine, Zeit und Ordnung schon seit der Kindheit fordern und du dir eigene Systeme gebaut hast, kann das eher zu ADHS passen.
Etwas Neues
Neu auftretende oder deutlich zunehmende Gedächtnis-, Orientierungs- oder Konzentrationsprobleme brauchen eine medizinische Abklärung, zum Beispiel in einer Memory Clinic.
Memory Clinics in der SchweizBeides zugleich
ADHS und eine altersbedingte Erkrankung können auch gleichzeitig vorkommen. Eine Diagnose schliesst die andere nicht aus.
Einige Studien finden bei Menschen mit ADHS häufiger spätere Demenzdiagnosen. Warum dieser Zusammenhang besteht und welche Rolle gemeinsame familiäre oder genetische Faktoren spielen, ist noch nicht geklärt. Für die einzelne Person lässt sich daraus nicht vorhersagen, ob sie eine Demenz entwickeln wird.
07 · Ruhestand und Übergänge
Weniger Struktur, mehr Freiheit, oft beides.
Fachleute beschreiben, dass der Ruhestand für manche Menschen mit ADHS eine überraschend grosse Umstellung sein kann. Arbeitszeiten, Arbeitsweg, Termine und Kolleginnen und Kollegen haben jahrzehntelang Struktur von aussen gegeben, und plötzlich fehlt sie.
Andere erleben die Pensionierung gerade als Entlastung, weil Anforderungen, Fremdsteuerung und der Druck, sich anzupassen, abnehmen. Für manche autistische Menschen kann sie mehr Selbstbestimmung bedeuten, aber auch den Verlust vertrauter Abläufe.
Hilfreich ist, den Übergang bewusst zu gestalten: neue Ankerpunkte im Tag, Aufgaben, die Sinn geben, Kontakte, die guttun, und Zeit für Interessen.
08 · Was im Alltag hilft
Eigene Wege weiterführen, neue dazunehmen.
Was passt, ist sehr verschieden. Viele Ideen kennst du vielleicht schon, weil du sie dein Leben lang genutzt hast.
- feste Ankerzeiten im Tag, zum Beispiel für Mahlzeiten, Bewegung und Termine
- Erinnerungen, die du sehen kannst: Kalender an der Wand, Notizbuch, Wecker, ein fester Ort für Schlüssel und Brille
- Interessen pflegen, die dir Energie geben, ohne Leistungsdruck
- Routinen finden, die Schlaf, Bewegung und Erholung unterstützen
- Reize dosieren: ruhige Zeiten, Gehörschutz, Rückzugsorte, kleinere Runden statt grosser Feste
- Menschen, die dich verstehen, auch andere ältere neurodivergente Menschen
09 · Gesundheit, Medikamente und Pflege
Deine Bedürfnisse benennen, bevor andere sie raten müssen.
Über Medikamente entscheidet die Ärztin oder der Arzt individuell. Im Alter werden dabei Herz und Kreislauf und die übrigen Medikamente besonders geprüft. Studien speziell zu älteren Menschen gibt es wenige.
Wenn du auf Spitex, Spital oder Pflege angewiesen bist, kann es helfen, deine Bedürfnisse möglichst konkret zu benennen, mündlich oder auf einem Blatt, das du mitgibst:
- Wie möchtest du informiert werden: mündlich, schriftlich, Schritt für Schritt?
- Welche Reize sind schwierig: Licht, Lärm, Berührung, viele Menschen?
- Wie wichtig sind dir Vorhersehbarkeit und feste Abläufe?
- Was hilft dir, wenn etwas anders läuft als geplant?
Das kann auch Angehörigen helfen, bekannte Bedürfnisse weiterzugeben, wenn die betroffene Person sie in einer Situation nicht selbst ausdrücken kann.
10 · Für Angehörige
Wenn du dich bei deiner Mutter oder deinem Vater wiedererkennst.
Oft fällt es erst auf, wenn ein Kind oder Enkelkind eine Diagnose bekommt: Plötzlich erkennst du Muster bei einem Elternteil, die du ein Leben lang kanntest.
Ein Verdacht ist noch keine Diagnose. Sprich über das, was du beobachtest, ohne deinem Gegenüber eine Erklärung überzustülpen. Manche ältere Menschen erleben eine späte Einordnung als Erleichterung, andere wollen davon nichts wissen. Beides verdient Respekt.
Wenn neue Gedächtnis- oder Orientierungsprobleme dazukommen, geht es nicht mehr nur um ADHS oder Autismus. Dann ist eine ärztliche Abklärung wichtig. Auch du darfst dir Unterstützung holen, zum Beispiel beim Alzheimer-Telefon oder in einem Erstgespräch bei KOPFKINO.
11 · Unterstützung durch KOPFKINO
Die eigene Geschichte neu einordnen.
Im 1:1-Coaching schauen wir gemeinsam auf deine Lebensgeschichte, deine Bedürfnisse und die Übergänge, die gerade anstehen, und entwickeln Strukturen, die im Alltag tragen. Das Coaching findet online statt und richtet sich auch an Menschen im höheren Lebensalter.
Auch Angehörige können sich melden. KOPFKINO bietet keine Abklärung, keine Demenzberatung und keine Therapie an.
Kostenloses Erstgespräch12 · Für wen das passt
Für wen das passt, und wann nicht.
Das passt, wenn …
- Du bist im späteren Erwachsenenalter, vermutest ADHS oder Autismus bei dir oder hast spät eine Diagnose bekommen.
- Du möchtest deine Geschichte verstehen und deinen Alltag, etwa nach der Pensionierung, neu einrichten.
- Du bist angehörig und suchst einen guten Umgang mit einem Verdacht.
Gerade nicht passend, wenn …
- Du suchst eine Abklärung, eine Demenzberatung oder eine Therapie.
- Du bist gerade in einer akuten Krise. Dann wende dich bitte an die Nummern unten.
Dich begleitet Deborah Stephan. Sie verbindet rund 20 Jahre sozialpädagogische Praxis mit Coaching und vertieftem Fachwissen zu ADHS und Autismus.
Mehr über Deborah und ihre Haltung13 · Mehr verstehen
Innere Filme zum Weiterlesen.
- Späte Diagnose: Wenn plötzlich alles einen Sinn ergibt
- Sinnkrise nach der Diagnose: Wenn plötzlich alles infrage steht
- Umgang mit Veränderung: Neues macht mir mehr Angst, als ich zeige
- Anders sein: Anders, nicht falsch
- Missverstanden: Ich ecke an, ohne es zu wollen
- Wechseljahre: Wenn alte Strategien nicht mehr tragen
Mehr Orientierung
- ADHS bei Erwachsenen: was im Alltag hilft
- Autismus bei Erwachsenen: sich selbst neu verstehen
- AuDHS: wenn ADHS und Autismus zusammenkommen
- ADHS und Autismus bei Frauen: oft spät erkannt
- ADHS oder Autismus abklären lassen: so läuft es bei Erwachsenen
- Wenn deine Partnerin oder dein Partner ADHS oder Autismus hat
- ADHS und Autismus bei Kindern: für Eltern
- ADHS und Autismus bei Jugendlichen: für Eltern
- PDA und Autismus: starke Anforderungsvermeidung
- Hochbegabt, hochsensibel oder autistisch? Gemeinsamkeiten und Unterschiede
- Liebe, Beziehung und Freundschaft, wenn du ADHS oder Autismus hast
- ADHS und Autismus: Ursachen und was im Gehirn anders ist
- Overload, Meltdown und Shutdown bei Erwachsenen
- Burnout bei ADHS und Autismus: autistisches Burnout erkennen
14 · Klare Grenzen
Was Coaching bei KOPFKINO nicht ist.
KOPFKINO ist Coaching und keine Psychotherapie, medizinische Behandlung oder Diagnostik. KOPFKINO bietet keine Krisenintervention und ist nicht für akute psychische Notfälle zuständig.
Wenn eine diagnostische Abklärung im Raum steht, können wir gemeinsam sortieren, welche Fragen du dazu hast und was ein möglicher nächster Schritt wäre. Die Diagnostik selbst erfolgt durch entsprechend qualifizierte Fachstellen.
In einer akuten Krise
Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, im Notfall 144. Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111. Österreich: Telefonseelsorge 142. Im Notfall überall: 112.
Bei Fragen zu Gedächtnis und Alter
Schweiz: Alzheimer-Telefon 058 058 80 00, Information und Beratung zu Gedächtnis und Demenz. Pro Senectute Infoline 058 591 15 15, Beratung für ältere Menschen und Angehörige.
15 · Häufige Fragen
Fragen zu ADHS und Autismus im Alter.
Kann ADHS im Alter neu auftreten?
ADHS beginnt definitionsgemäss in der Kindheit und tritt nicht erstmals im höheren Alter auf. Wenn Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme erst im Alter neu auftreten, braucht es eine ärztliche Abklärung, weil andere Ursachen wie eine Demenz dahinterstecken können.
Wie unterscheidet sich ADHS von Demenz?
Ein lebenslang bekanntes Muster kann eher zu ADHS passen. Neue oder deutlich zunehmende Gedächtnis-, Orientierungs- oder Konzentrationsprobleme brauchen eine medizinische Abklärung. Beides kann auch gleichzeitig vorkommen.
Erhöht ADHS das Risiko für Demenz?
Einige Studien finden bei Menschen mit ADHS häufiger spätere Demenzdiagnosen. Warum, ist nicht geklärt. Für die einzelne Person lässt sich daraus nicht vorhersagen, ob sie eine Demenz entwickeln wird.
Lohnt sich eine Diagnose im Alter?
Das kann für viele hilfreich sein. Eine späte Diagnose kann entlasten und helfen, die eigene Lebensgeschichte neu einzuordnen. Ob du eine Abklärung möchtest, entscheidest du selbst.
Wie zeigt sich Autismus im Alter?
Darüber weiss die Forschung noch wenig. Reize, Routinen, Rückzug und Kommunikation können wichtig bleiben. Viele ältere autistische Menschen wurden nie diagnostiziert und haben sich ein Leben lang angepasst.
Gibt es ADHS-Medikamente für ältere Menschen?
Darüber entscheidet die Ärztin oder der Arzt individuell. Im Alter werden Herz und Kreislauf und die übrigen Medikamente besonders sorgfältig geprüft.
Wo kann ich Gedächtnisprobleme abklären lassen?
In der Hausarztpraxis und in einer Memory Clinic. In der Schweiz gibt Alzheimer Schweiz eine Übersicht über Memory Clinics, und das Alzheimer-Telefon berät zu Fragen rund um Gedächtnis und Demenz.
Wie spreche ich mit meinen Eltern über einen Verdacht?
Sprich über das, was du beobachtest, nicht über eine Diagnose. Frag, wie es deinem Gegenüber damit geht, und akzeptiere, wenn er oder sie nichts davon wissen will.
Wenn du deine Geschichte neu einordnen und deinen Alltag in dieser Lebensphase gestalten möchtest, können wir uns in einem kostenlosen Erstgespräch kennenlernen.
