Orientierung · Familie

Wenn dein Kind ADHS, Autismus oder beides hat

Dein Kind hat ADHS, Autismus oder beides, oder du vermutest es schon länger. Hier erfährst du, was das im Alltag bedeuten kann, was deinem Kind und dir helfen kann und wo ihr Unterstützung findet.

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01 · Vielleicht kommt dir das bekannt vor

Du kennst dein Kind gut, und trotzdem fragst du dich oft, was gerade los ist.

  • Jeden Morgen derselbe Kampf um Schuhe, Zähne und Schulsack, und um halb acht seid ihr beide erschöpft.
  • Nach dem Kindergeburtstag bricht deine Tochter zu Hause zusammen, obwohl sie dort fröhlich wirkte.
  • Die Lehrerin sagt, er sei in der Schule unauffällig. Zu Hause kommt alles heraus.
  • Eine kleine Planänderung, und der ganze Nachmittag kippt.
  • Je mehr du bittest, desto mehr blockiert dein Kind, auch bei Dingen, die es eigentlich gern macht.
  • Dein Sohn ist vierzehn und zieht sich zurück. Du weisst nicht, was Pubertät ist und was mehr.

Diese Szenen sind keine Checkliste. Vieles davon erleben auch Familien ohne ADHS oder Autismus. Ob eine Diagnose passt, kann nur eine fachliche Abklärung sagen.

02 · Was ADHS und Autismus bei Kindern bedeuten

Keine Frage der Erziehung.

ADHS und Autismus sind neuroentwicklungsbedingt. Sie sind von Anfang an da und zeigen sich je nach Alter, Umfeld und Belastung unterschiedlich. Beide entstehen nicht durch Erziehung.

Vieles, was von aussen wie Trotz, Unwillen oder fehlende Kooperation wirkt, kann mit Überforderung, Selbstregulation oder anderen Bedürfnissen deines Kindes zusammenhängen.

Und es ist kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch gemacht hast.

Bei ADHS kann es Kindern schwerfallen, Aufmerksamkeit und Aktivierung zu steuern, Impulse zu regulieren und bei wenig anregenden oder anstrengenden Aufgaben dranzubleiben.

Viele erleben Gefühle sehr intensiv. Das ist häufig, aber kein offizielles Diagnosekriterium. Im Jugendalter wird die äussere Unruhe oft weniger, die innere kann bleiben.

Bei Autismus nehmen Kinder Reize und Situationen anders wahr. Geräusche, Licht oder viele Menschen können schneller zu viel werden. Kommunikation und Kontakt laufen oft anders, als andere es erwarten, und vorhersehbare Abläufe geben Halt. Viele autistische Kinder haben Interessen, in die sie tief eintauchen.

ADHS und Autismus können auch zusammen vorkommen. Mädchen und eher stille Kinder werden oft später erkannt, weil sie sich stark anpassen. Diese Anpassung, oft Masking genannt, kommt aber bei allen Geschlechtern vor.

Und manchmal erkennen sich Eltern beim Lesen selbst wieder. Das ist häufiger, als viele denken.

03 · Wo es im Alltag oft schwierig wird

Vier Stellen, an denen Familien viel Kraft brauchen.

  • Übergänge und Routinen

    Aufstehen, Losgehen, Abendessen, Zubettgehen. Jeder Wechsel zwischen zwei Tätigkeiten kann Kraft kosten, und eine Planänderung bringt oft den ganzen Tag durcheinander.

    Film: Umgang mit Veränderung
  • Gefühle und Überforderung

    Ein Wutausbruch, ein Zusammenbruch oder völliges Verstummen ist oft ein Zeichen von Überlastung, nicht von Absicht. Bei Autismus spricht man auch von Meltdown oder Shutdown. Danach braucht ein Kind Ruhe und Erholung, keine Strafe.

    Film: Starke Emotionen
  • Schule und Lernen

    Viele Kinder halten sich in der Schule zusammen und lassen zu Hause los. Hausaufgaben werden zum täglichen Streit. Ein gutes Gespräch mit der Schule kann viel verändern; in manchen Fällen ist ein Nachteilsausgleich möglich.

    Fortbildungen für Schulen
  • Geschwister und Familie

    Geschwister, die zurückstecken, Grosseltern mit gut gemeinten Ratschlägen, Familienfeste, die zu viel sind. Jede Person in der Familie braucht ihren Platz.

    Film: Reizüberflutung

04 · Freundschaften

Freundschaften dürfen anders aussehen.

Viele Kinder und Jugendliche mit ADHS oder Autismus wünschen sich Freundschaften, auch wenn es von aussen nicht immer so wirkt.

Kontakte können anders aussehen: eine einzige enge Freundin statt einer grossen Gruppe, gemeinsames Gamen oder Bauen statt langer Gespräche, Freundschaften online oder mit Jüngeren oder Älteren.

Schwierig wird es oft bei ungeschriebenen Regeln, in lauten Gruppen oder wenn ein Streit schnell eskaliert. Nach einem Treffen braucht manches Kind Ruhe, auch wenn es schön war. Ausgrenzung und Mobbing verdienen es, ernst genommen zu werden, auch wenn dein Kind wenig darüber erzählt.

Was helfen kann: Gelegenheiten über gemeinsame Interessen schaffen, Treffen klein und überschaubar halten, Pausen einplanen, nach einem Konflikt gemeinsam nachbesprechen, ohne zu bewerten.

Freundschaften lassen sich nicht erzwingen, aber gut begleiten.

05 · Wenn jede Anforderung zu viel ist: PDA

Wenn dein Kind ausweicht, auch bei Dingen, die es eigentlich will.

Manche Kinder und Jugendliche weichen alltäglichen Anforderungen sehr stark aus: anziehen, essen, losgehen, Hausaufgaben. Das betrifft oft auch Dinge, die sie selbst gern tun würden.

Dafür wird die englische Bezeichnung Pathological Demand Avoidance verwendet, kurz PDA. In der Community heisst es auch «Persistent Drive for Autonomy», also ein starkes Bedürfnis nach Selbstbestimmung.

PDA ist keine eigene Diagnose. Fachleute sind sich uneinig, wie es einzuordnen ist: Die einen sehen ein Profil innerhalb des Autismus-Spektrums, andere ein Verhaltensmuster, das bei verschiedenen Diagnosen vorkommen kann.

Ausgeprägtes Vermeiden von Anforderungen kann unter anderem mit Stress, Angst, Unsicherheit oder einem starken Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstbestimmung zusammenhängen. Warum es entsteht und wie PDA fachlich einzuordnen ist, ist bisher nicht abschliessend geklärt.

Je nach Kind kann es helfen, Druck zu reduzieren: Anforderungen indirekter formulieren, Wahlmöglichkeiten anbieten, Abläufe vorhersehbar machen, die Beziehung vor das Durchsetzen stellen. Das ist anstrengend, und auch deine Grenzen zählen.

06 · Wenn Kinder älter werden

Jugendliche wollen mitreden, und sie sollen es auch.

Im Jugendalter wird Selbstbestimmung wichtiger. Jugendliche möchten mitentscheiden, auch bei der Frage, ob sie sich abklären lassen und welche Unterstützung sie wollen.

Pubertät und Neurodivergenz überlagern sich: Rückzug, starke Stimmungen und Erschöpfung können zu beidem gehören. Viele Jugendliche passen sich lange an und sind dann plötzlich am Ende ihrer Kraft.

Dazu kommen grosse Übergänge: Berufswahl, Lehre oder weiterführende Schule, später der Wechsel in die Begleitung für Erwachsene. Es hilft, diese Schritte früh und gemeinsam anzuschauen.

07 · Was im Alltag helfen kann

Bedingungen, die deinem Kind und dir das Leben leichter machen können.

  • Den Tag vorhersehbar machen: ein Wochenplan mit Bildern, Wechsel ankündigen, Änderungen früh besprechen.
  • Reize reduzieren und Rückzugsorte schaffen, zu Hause und wenn möglich auch in der Schule.
  • Aufgaben in kleine, sichtbare Schritte teilen.
  • Stärken und Interessen ernst nehmen. Sie sind oft der beste Zugang zu deinem Kind.
  • Nach einem Ausbruch zuerst für Ruhe sorgen und erst später darüber reden.
  • Mit deinem Kind sprechen statt über dein Kind, auch bei Gesprächen mit Fachpersonen.
  • Absprachen mit Schule, Kita oder Betreuung treffen, damit alle ähnlich reagieren.

08 · Was du für dich tun kannst

Du musst nicht alles allein tragen.

Viele Eltern von Kindern mit ADHS oder Autismus sind erschöpft. Das ist kein Versagen, sondern eine Folge von viel Organisation, vielen Gesprächen und wenig Pausen. Hol dir Unterstützung: bei Menschen aus deinem Umfeld, im Austausch mit anderen Eltern oder in einer Beratung für dich.

Austausch und Beratung für Eltern findest du über diese Verzeichnisse und Stellen:

09 · Abklärung bei Kindern und Jugendlichen

Wer abklärt, und was du vorher wissen solltest.

Eine Autismus-Diagnose ist manchmal schon im Kleinkindalter möglich, bei vielen Kindern werden die Schwierigkeiten aber erst im Kindergarten- oder Schulalter deutlich.

  • Schweiz: Erste Anlaufstelle ist oft die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Abklärungen machen Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, kinder- und jugendpsychiatrische Dienste sowie entwicklungspädiatrische Abteilungen von Kinderspitälern. Der schulpsychologische Dienst klärt schulische Fragen ab und kann weiterverweisen.
  • Deutschland: Diagnosen stellen Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Kinderärztinnen und Kinderärzte mit entsprechender Erfahrung oder Zusatzqualifikation. Bei Verdacht auf Autismus sind auch sozialpädiatrische Zentren eine Anlaufstelle.
  • Österreich: Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, oft gemeinsam mit klinischer Psychologie und weiteren Gesundheitsberufen.

So läuft eine Abklärung meist ab

  1. Erste Anlaufstelle ist meist die Kinderärztin oder der Kinderarzt, bei Fragen rund um die Schule auch der schulpsychologische Dienst.
  2. Anmeldung bei einer Fachstelle für die Abklärung. Mit Wartezeit muss man rechnen.
  3. Mehrere Termine: Gespräche mit dir und deinem Kind, Fragebögen und oft auch Angaben aus Kita, Schule oder Therapie.
  4. Abschlussgespräch und Bericht mit Empfehlungen für die nächsten Schritte.

Fragen zu Medikamenten gehören in das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

10 · Unterstützung durch KOPFKINO

Begleitung für dich als Elternteil, und Wissen für Schulen und Elternabende.

Im 1:1-Coaching ist Platz für dich als Mutter, Vater oder Bezugsperson: für deinen Alltag, deine Grenzen und die Frage, wie du dein Kind gut begleiten kannst, ohne dich selbst zu verlieren.

Es geht um deine Situation, nicht um eine Abklärung oder Behandlung deines Kindes. Das Coaching findet online statt. Rahmen und Ablauf klären wir im Erstgespräch.

Vorträge und Elternabende zu ADHS und Autismus sind buchbar, zum Beispiel für Schulen und Elternvereine. Eine Begleitung für ganze Familien ist in Entwicklung und noch nicht buchbar.

Deborah hat lange mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet: an einer heilpädagogischen Sonderschule, in einem Kinderheim und in der offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Kostenloses Erstgespräch

11 · Für wen das passt

Für wen das passt, und wann nicht.

Das passt, wenn …

  • Du begleitest ein Kind oder eine jugendliche Person mit ADHS, Autismus oder beidem, mit oder ohne Diagnose.
  • Du möchtest verstehen, was im Familienalltag passiert, und herausfinden, was dir und deinem Kind hilft.
  • Du suchst eine Begleitung auf Augenhöhe, in deinem Tempo und mit klarem Rahmen.

Gerade nicht passend, wenn …

  • Du suchst eine Abklärung, Therapie oder Medikamentenberatung für dein Kind. Dafür sind Fachstellen da.
  • Dein Kind oder du seid gerade in einer akuten Krise. Dann wende dich bitte an die Nummern unten.

Dich begleitet Deborah Stephan. Sie verbindet rund 20 Jahre sozialpädagogische Praxis mit Coaching und vertieftem Fachwissen zu ADHS und Autismus.

Mehr über Deborah und ihre Haltung

13 · Klare Grenzen

Was Coaching bei KOPFKINO nicht ist.

KOPFKINO ist Coaching und keine Psychotherapie, medizinische Behandlung oder Diagnostik. KOPFKINO bietet keine Krisenintervention und ist nicht für akute psychische Notfälle zuständig.

Wenn eine diagnostische Abklärung im Raum steht, können wir gemeinsam sortieren, welche Fragen du dazu hast und was ein möglicher nächster Schritt wäre. Die Diagnostik selbst erfolgt durch entsprechend qualifizierte Fachstellen.

In einer akuten Krise

Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, im Notfall 144. Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111. Österreich: Telefonseelsorge 142. Im Notfall überall: 112.

Für Kinder, Jugendliche und Eltern

Schweiz: Pro Juventute 147 für Kinder und Jugendliche, kostenlos und rund um die Uhr; Elternberatung 058 261 61 61, rund um die Uhr. Deutschland: Nummer gegen Kummer, Kinder- und Jugendtelefon 116 111, Elterntelefon 0800 111 0 550. Österreich: Rat auf Draht 147 für Kinder, Jugendliche und Bezugspersonen, kostenlos und rund um die Uhr.

14 · Häufige Fragen

Fragen von Eltern zu ADHS und Autismus.

Ist ADHS oder Autismus die Folge von Erziehung?

Nein. ADHS und Autismus sind neuroentwicklungsbedingt, Vererbung spielt eine grosse Rolle. Wie Eltern reagieren, kann den Alltag leichter oder schwerer machen, aber Erziehung ist nicht die Ursache.

Ab welchem Alter kann ADHS oder Autismus abgeklärt werden?

Autismus kann manchmal schon bei Kleinkindern erkannt werden, ADHS meist ab dem Kindergartenalter. Viele Kinder werden aber erst im Schulalter oder als Jugendliche abgeklärt, besonders wenn sie sich stark anpassen.

Wächst sich ADHS aus?

Bei vielen Jugendlichen wird die äussere Unruhe weniger. Andere Merkmale bleiben oft bis ins Erwachsenenalter, zum Beispiel innere Unruhe oder Schwierigkeiten mit Planung und Zeit. Mit passender Unterstützung kann der Alltag trotzdem gut gelingen.

Was ist PDA, und ist das eine Diagnose?

PDA steht für Pathological Demand Avoidance und beschreibt ein starkes Ausweichen vor alltäglichen Anforderungen. Es ist keine eigene Diagnose, und Fachleute ordnen es unterschiedlich ein. Diskutiert werden Zusammenhänge mit Stress, Angst und einem starken Bedürfnis nach Kontrolle, geklärt ist das bisher nicht.

Was hilft bei einem Meltdown?

Während eines Meltdowns hilft vor allem Sicherheit: Reize reduzieren, wenig reden, da bleiben, ohne zu bedrängen. Erklärungen und Gespräche haben erst später Platz, wenn sich dein Kind erholt hat.

Mein Kind hat kaum Freunde. Muss ich mir Sorgen machen?

Nicht unbedingt. Manche Kinder sind mit einer einzigen engen Freundschaft oder mit wenig Kontakt zufrieden. Wichtig ist, ob dein Kind selbst darunter leidet oder sich mehr Kontakt wünscht. Dann helfen Gelegenheiten über gemeinsame Interessen und ein Blick darauf, was Kontakte gerade schwer macht.

Soll ich meinem Kind sagen, dass es ADHS oder Autismus hat?

Viele Kinder und Jugendliche erleben es als Erleichterung, wenn sie verstehen, warum sich manches für sie anders anfühlt. Wie und wann du es erklärst, hängt vom Alter und von deinem Kind ab. Fachpersonen aus der Abklärung können dabei helfen.

Wenn du herausfinden möchtest, ob eine Begleitung für dich als Elternteil passt, können wir uns in einem kostenlosen Erstgespräch kennenlernen.